London Nights

Es war bereits nach drei Uhr morgens als ich wieder in meinem schäbigen Apartment in der KingsStreet ankam . Ich weiss nicht mehr genau wie ich hier herkam aber wo ich war das wusste ich noch ganz genau . Ich war im Casino wie jede Nacht . Nach dem ich ein paar Drinks gekippt hatte ,hatten die Jungs vom Nachbartisch mich zu ner kleinen Pokerparty eingeladen . Und wie jeden Abend sagte ich mir auch an diesem "Warum nicht ? Vielleicht gewinn ich ja heute mal . Tja aber wie jeden Abend verlor ich Spiel um Spiel und am Ende war ich wieder blank bis auf die Hosentasche . "Beim nächsten mal“ haben sie dann gesagt ." Ja das sagen sie jeden Abend und ich sage jeden Abend " Das war das letzte mal " Ja es ist jedes mal das letzte mal und am Ende sitzt ich doch wieder an ihrem Tisch . Man könnte ja auch ma Glück haben . Aber Glück ist etwas was dem Teufel auf den Schwanz gebrannt ist . Das Licht geht nicht ...ja stimmt sie haben den Strom abgestellt ich hab die letzte Rechnung nicht bezahlt .

Also zünde ich eine Kerze an und setze mich an die Schreibmaschine . Ein leere Blatt das es zu füllen gibt starrt mir entgegen. Es ist als ob ich auf meine eigene Seele blicke die zwar nicht weiß dafür aber leer und trostlos ist . Vergiftet vom Alk den Selbstzerwürfnissen mit mir selbst. Ich versuche mich daran zu errinnern wie es vorher war . Vorher? Gab es den je ein Vorher? Ja doch es muss eins gegeben haben. Jeder Mensch fängt irgendwo bei Null an und wenn ich zurückdenke dann war das der tag wo ich mein Studium abgeschlossen hatte . Ich war 23 und man sagte mir eine glänzende Zukunft als Journalist voraus. Und da war ja auch noch Kate .

Die süße Kate mit ihren roten Haaren. Innerhalb ihrer Familie ein braves guterzogenes Mädchen das man mit stolz in der Gesellschaft der oberen 10.000 präsentierte . Nur wenn sie bei mir war dann wurde aus dem braven Mädchen mit den Roten Haaren , die mehr als sündige kleine Straßenmieze die in knapp geschnittenen Mini's und hautengem Top vor mir herstolzierte und mich mit ihrem aufreizenden Schmollmund zur absoluten Raserei brachte . Dieser scheinheilige Engel mit seinem mehr als schamlosen Wortschatz der wenn man ihn hörte jedem anständigen Menschen in dieser Stadt die Schamröte ins Gesicht steigen ließ . Ich folgte ihr willenlos in die Abgründe ihrer bizarren perversen Welt und je tiefer ich in ihr versank desto schwerer wurde es für mich wieder aus ihr zu fliehen wenn erst der nächste Morgen anbrach . Und je mehr Zeit verstrich desto mehr wurde mir bewusst das ich ein Gefangener ihrer Bizarren Gelüste geworden war . ich fing an zu trinken und das nicht grade wenig .

Eines Tages kreuzte ich so betrunken auf der Arbeit auf das man mich kurzer Hand vor die Tür setzte . Ich trank um so mehr und verlor immer mehr den Bezug zur Realität . ich begann in einer Scheinwelt zu leben und Kate wurde zum Mittelpunkt dieses Bizarren Zerrbildes der Realität . Irgendwann kam dann der endgültige 'Absturz . Mein Körper und mein Verstand kollabierten und ich kam kurzer Hand auf die Intensivstation und rang 12 tage und 12 Nächte mit meinem Leben . Bedauerlicherweise überlebte ich und man entließ mich nach einer kurzen Genesungsphase mit gut gemeinten Ratschlägen und den sinnlosen Phrasen über Gott und der tieferen Bedeutung des Glaubens. Ein Abschiedsgeschenk dem ich wenig Beachtung schenkte. Doch für eine Zeit fing ich mich versuchte sogar eine neue Stelle bei einer Zeitung zu bekommen . Doch schon nach einem Monat wurde ich rückfällig und soff wieder wie ein Loch. Kate hatte sich in der Zwischenzeit irgendeiner verrückten Sekte angeschlossen die den Teufel anbetete und wilde Orgien feierten . Ich zog trotz meiner Trinkerei einen Schlussstrich unter das ganze und fing an mich mit mir selbst zu beschäftigen.

Ich lass die Lehren des Dalailamas und andere verschiedene Bücher über inneren Frieden und Glückseligkeit und hatte sogar eines Nachts als ich völlig zugedröhnt nach Hause kam eine Vision von Buddha der zu mir sprach und mir über Paläste aus Diamanten und von Göttern erzählte die aussahen wie weiße Babyelefanten. Nach diesem Erlebnis trank ich drei tage keinen Tropfen Alkohol mehr und schrieb ein Dossier über den Selbstzehrstörerischen Drang der Modernen Gesellschaft . ich verkauft sie an irgendein Käseblatt kassierte Hundert Pfund dafür und setze mich nach Oxford ab . Dort lebte ich ein halbes Jahr in einem Christlichen Kloster und fand zum ersten mal wieder zur Realität und zu mir selbst wieder. Ich trank nicht mehr und besuchte sogar ein paar Kurse auf der Universität . Mit neuem Lebenswillen und einer ziemlich in Mitleidenschaft gezogenen Leber zog ich wieder nach London und fing bei einer kleinen Tageszeitung an . Ich schrieb zuerst Kurzgeschichten und bekam dann nach ein paar Monaten eine Stelle als Wirtschaftsjournalist. Es war ein öder Job der mich mit vielen noch öderen Gestalten der Wirtschaftswelt zusammenbrachte . Je mehr ich über diese Menschen erfuhr desto geringschätziger wurde meine Meinung über sie und irgendwann fing ich an kleine persönliche Bemerkungen in meine Berichterstattung miteinfließen zu lassen.

Ich schrieb über die leeren Seelen der großen Finanzbosse und deren Marionettenartigen Angestellten die, die Zwischenmenschliche Gesellschaft mit ihrer Materiellen Gier vergiftete und sie ausbluten ließ. Das ich mir damit keine Freunde machte war voraus zusehen. Man verklagte mich wegen schwerwiegender Verleumdung und Beleidigung so in etwa glaube ich hieß es jedenfalls in der Anklageschrift . Meine Zeitung fackelte nicht lange und entließ mich noch vor Ende des Verfahrens . Da ich keine Einkünfte mehr hatte steckten sie mich für 6 Monate in den Knast . 6 Monate wo ich graue Wände anstarrte die verblasst und abgenutzt wie meine eigene Seele waren . 6 Monate in denen ich das Geschrei der Wärter ertrug und ihre Schläge mit dem Gummiknüppel. Die Schmerzen spürte ich irgendwann nicht mehr außer beim Duschen , wenn ich überhaupt Duschen ging was an einem Ort voller Liebesbedürftiger Schwerverbrecher nicht grade ungefährlich war . Mein Zellengenosse war ein Taugenichts von Taschendieb namens james Mc.Coffe . Coffe saß schon 1 jahr als ich ihn als Zellengenossen bekam und hatte noch mindestens ein gutes Jahr vor sich . Er war einer von der Sorte die sich ununterbrochen ihrer Umwelt mitteilen mussten . Und wenn er nicht grade am quatschen war dann lass er die Todesanzeigen in der Zeitung . Er erzählte mir das er jedes mal hoffe die Todesanzeige des Richter zu lesen der ihn in den Knast gebracht hatte . Oder auch die seines Anwalts der später nach seiner Verurteilung mit seiner Freundin durchgebrannt war

Coffe war seiner Meinung ein typisch Opfer eines Englische Justizirrtums. Im großen und ganzen kümmerte er mich relativ wenig . Die meiste Zeit meiner Strafe verbrachte ich mit Lesen und schreiben. Meistens Kurzgeschichten oder Gedichte im Romantik-Stil . Ich hasste den neomodernen Klassizismus der inzwischen auch schon in der Literatur Einzug gehalten hatte und war ein standhafter Anhänger der alten Meister wie Bairen ,Drobny oder Beckett. Nach meiner Entlassung mietete ich ein kleines Apartment in der Presment Alle und fing an für kleinere Zeitungen und Magazine zu schreiben. Ich war nicht grade erfolgreich aber es reichte um zu leben. Meine Eltern hatten mir geschrieben als ich noch im Gefängnis war . ich sei enterbt und solle mich bloß nie wieder bei ihnen blicken lassen . ich zeriss den Brief und spülte ihn das Klo runter . Und mit ihm meine letzten Erinnerungen an eine Kindheit die geprägt war vom konservativen Denken der besser gestellten Mittelschicht. Für mich waren meine Eltern nichts weiter als weitere Marionetten in diesem Obskuren Bordell das man allgemein als die Moderne Gesellschaft ihrer Zeit darstellte. Man war korrumpiert ,sobald man auf der Entbindungsstation landete, ob man wollte oder nicht. In einer dreitägigen Phase tiefer Selbstanalyse schloss ich mit ihnen und der Gesellschaft des 20 Jahrhunderts ab und beschloss mich von nun an nur auf das schreiben zu konzentrieren. Ich fing an mich in meinen Artikeln mit dem Gestank der neuen Zeit , mit der Massenanonymität und der daraus resultierenden hohen Selbstmordrate zu beschäftigen.

Ich schrieb über die Erben der Nachkriegsgeneration wie als ob ein Arzt bei seinem Fachkollegium die Folgen eines aufgeblähten Dickdarms aufzeichnete . Natürlich wurde meiner Arbeit keine Beachtung geschenkt . Es war Tragik und Komödie zugleich . Morgens in den Büros und Fabrikhallen der Witz der Belegschaft , Abends der Zündstoff für das Geschrei der Großunternehmer beim Abendessen mit der Familie . Ich war zum nichtbeachteten Geschwür dieser Stadt geworden und doch schluckte sein Moloch mich . Nach 4 Monaten krähte kein Hahn mehr nach mir , und keine noch so kleine Zeitschrift wollte mehr meine Artikel kaufen. Man beschimpfte mich als Aufrührer ,Anarchist und Dilettant.
Nach ein paar Wochen verfiel ich in ein dumpfes Grübeln und kam zu dem Schluss das die Welt in seinen Grundfesten von der Habgier der vollgefressenen Oberschicht in seinen Grundfesten so stark erschüttert war das wir die untere Klasse Mensch von ihrer Korruption und dem sich rasch verbreitenden Gestank des Intrigantentums erdrückt wurden und folglich resignierend dem Tod des freien Geistes entgegen eilen mussten.

Womit ich schließlich wieder am Anfang meiner Geschichte stehe. Dem resignierenden Leben als Massenindividuum das starr vor sich hinwegediert und sich dem Trend des Globalen Aussterben der Individualistischen Rasse gefügt hat. Man nimmt den Tod der eignen Identität hin und sieht sich selbst beim Sterben zu . Die Schmerzmittel der heutigen Gesellschaft wie Massenmedien, Drogen und konsumierter Erotik sind die einzigen Schranken die uns vor dem verfall in den endgültigen Wahnsinn bewahren. Und so endet ein Jahrtausend und beginnt ein neues mit verfeinerten Methoden der Gesellschaftlichen Folter und den gleichen Reden und Versprechungen . Nur die , die sie halten haben neue Gesichter . Nun ist das Blatt gefüllt . Und während die kalte Dunkelheit ihren Schleier über meine Augen deckt beginnt draußen ein neuer Tag . Und irgendwo eine neue leere Seite im Leben eines Namenlosen irgendwo in der Masse .

© by Jan Meyer

7.1.09 11:48

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen